|
Das Leben von Herr
Friedrich Zawrel wird für „lebensunwert“ erklärt, weil er der Sohn eines
alkoholkranken Mannes war, so erzählte er bei seinem Vortrag in der Martin
Boos Schule in Gallneukirchen. Das reicht aus, um ihn von seiner Familie zu
trennen und als minderwertigen Menschen unter Verschluss zu halten. Das
genügt, Versuche an ihm vorzunehmen, ihn zu demütigen und zu peinigen.
Zuletzt wird Herr Zawrel als „nicht mehr erziehbar“ eingestuft, ein
Todesurteil im Namen der „Euthanasie“. Einer Krankenschwester, der die
Menschlichkeit selbst in dieser Zeit nicht abhanden gekommen ist, verdankt
der jetzt 77 jährige sein Leben.
Wegen Diebstahl von Lebensmittel gerät der Jugendliche wieder in Haft und
wird 1945 schließlich in Regensburg von amerikanischen Truppen in eine
ungewisse Freiheit entlassen. Ohne Schulbildung und berufliche Ausbildung
kommt Hr. Zawrel auch nach dem Ende der Schreckensherrschaft nicht auf die
Beine und gerät immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt.
Wegen eines von den Behörden angeforderten psychologischen Attests trifft
Hr. Zawrel wieder auf den Arzt der ihn als Kind und Jugendlicher am
„Spiegelgrund“ gepeinigt hat: Dr. Heinrich Gross – mittlerweile ein
honoriger Arzt mit steiler Karriere – der für seine Forschungen an teilweise
aus der NS-Zeit stammenden Kinderhirnen sogar vom Staat Österreich geehrt
wurde. Erst im März 2000 wurde ein Verfahren gegen Gross eingeleitet, das
aber wegen Krankheit des Arztes abgebrochen und nie wieder aufgenommen
wurde.
Abgesehen von den furchtbaren Erlebnissen in den verschiedenen Anstalten
schockiert die Tatsache, dass eine wirkliche Aufarbeitung der NS-Zeit nie
passiert ist. Aber auch, dass nach dem Krieg Menschen, die etliche
Kinderleben auf dem Gewissen haben, nicht zur Verantwortung gezogen, sondern
geehrte Bürger der Republik wurden – zum Teil basierend auf Forschungen, die
an den Gehirnen von ermordeten Kindern vorgenommen wurden. Aber niemand hat
etwas gesehen, niemand hat etwas gehört und niemand hat etwas gewusst.
Genau deshalb darf man keinen Schlussstrich ziehen. Genau deshalb darf man
die Gräuel dieser Zeit nicht vergessen. Und genau deshalb muss man einem
Friedrich Zawrel zuhören.
|