Kriegsende im Mai 1945. Befreiung und Umkehr.
Wie war das in Gallneukirchen?
(zusammengestellt von GR Mag. Rupert Huber)
Oberösterreich und somit auch Gallneukirchen wurde in den ersten Maitagen
1945 von der Nazi-Diktatur befreit, erst einige Tage nach dem Tod Adolf
Hitlers und vor der bedingungslosen Kapitulation des Großdeutschen Reiches.
Beschreiben will ich, wie die Menschen hier in diesen Wochen leben mussten,
warum die Niederlage der Deutschen Kampfverbände Befreiung und Umkehr
brachte, und auch was die Befreier, Soldaten der US-Armee im Kampf hier
erleiden mussten.
Schon im Jänner 1945 kämpften das Militär der West-Alliierten und die Sowjet-Armee
im Großdeutschen Reich für die bedingungslose Kapitulation. Lieber ein Ende
mit Schrecken als weiterhin Schrecken ohne Ende war die Sehnsucht der
meisten Menschen. Aber diese Gesinnung auszusprechen war Verrat am
befohlenen Endsieg, war lebensbedrohend. Das System des Nationalsozialismus
war auch in OÖ eine bodenständige Kraft[1]
und terrorisierte bis zum schrecklichen Ende.
22.Februar 1944 – erster Fliegeralarm in Gallneukirchen
Die US-Luftwaffe zerstörte mit Flächenbombardierungen schon ab Februar 1944 die
Waffenproduktionen in OÖ, in Linz, Steyr und St. Valentin. Zur Gegenwehr
wurden im Großraum um Linz, auch um Gallneukirchen Flak-Batterien[2]
eingesetzt. Bombenfehlwürfe, aber auch Luftangriffe auf die Flakbatterien
setzten Menschen in Angst, zerstörten Häuser, Fluren, töteten Menschen.
Den ersten Fliegeralarm in Gallneukirchen gab es am 22. Februar 1944.[3]
Am 4. November 1944 traf eine Bombe ein Haus in der Gaisbacher Straße neben
der Penzenleitner-Brücke. Eine Bewohnerin wurde dabei getötet.
Am 12.November 1944 wurde der Volkssturm Gallneukirchen vereidigt. Zum Volkssturm[4]
mussten alle Männer bis zum Alter 65 Jahren, auch schon die 14-jährige
Buben. Sie wurden ausgebildet zum Kampf gegen Panzer, auch mit Flak-Kanonen,
sie mussten Panzersperren und Schützengruben errichten und wurden
indoktriniert. Gauleiter Eigruber befahl Kampf bis zum Endsieg. Auch wenn
der Feind bis Treffling siegt, in Gallneukirchen schaffen wir den Endsieg
hatten die Kindersoldaten in den letzten Kriegstagen zu brüllen.
April wälzte sich ein Flüchtlingsstrom durch die Straßen des Mühlviertels –
Wochen des Chaos und Elends. Pfarrer Silberhumer beherbergte an manchen
Tagen bis zu 80 Menschen im Pfarrhof. Der Kriegshorror im westlichen Mühlviertel
begann am 30. April 1945. An diesem Tag hatte sich Hitler umgebracht und in Wien war bereits die Österreichische
Bunderegierung und Radio Rot-Weiß-Rot sendete.
In Oberdonau wird gestanden
Truppen der 11. US Panzerdivision überschritten bei Oberkappel und Kollerschlag die
Grenze des Mühlviertels mit dem Auftrag, bis zur Enns-Linie vorzustoßen und
dort auf die Rote Armee zu treffen. Gauleiter Eigruber hatte befohlen: In
Oberdonau wird gestanden! und jetzt, wo wir dem Endsieg so nahe sind,
macht niemand schlapp![5]
SS-Einheiten kontrollierten die Befehle brutal. Sie haben in nicht wenigen
Orten[6]
Menschen, die dagegen aufgestanden sind, exekutiert.
Um den bayrischen Grenzort Wegscheid wurde am 30. April einen Tag lang verlustreich
gekämpft. Am Ende dieses Horrortages waren ein niedergebrannter Ort und
viele Tote zu beklagen, 32 Deutsche Soldaten, 5 Zivilisten und eine
unbekannte Zahl von US-Soldaten. Schrecklich sind die Orts-Chronik-Berichte
zum Vordringen der US-Truppen bis nach Gallneukirchen am 4. Mai und nach
Linz und Mauthausen am 5. Mai. Die US-Kampftruppen erwartete fast überall[7]
enorme Abwehr. Überall Panzersperren, bereits schon gesprengte oder zur
Sprengung vorbereitete Brücken, Schützengruben mit Flak-Waffen in der
Landschaft.
In sehr vielen örtlichen Gemeindezentren konnte erst in höchster
Not, gerade noch vor einem Kampf Haus um Haus, erst nachdem die
Panzersperren und Schützengruben mit Granaten weggeschossen worden sind, mit
der weißen Fahne kapituliert werden. In den umkämpften Orten sind Höfe und
Häuser abgebrannt, sind Soldaten, auch Kindersoldaten (!) und Zivilisten
umgekommen, besonders dramatisch 15 in Zwettl. Oft waren Brücken schon
gesprengt, Umwege mussten gefunden werden und unter Feuerschutz mussten
Behelfsbrücken angelegt werden.
Tödliche Schüsse aus Verstecken der HJ-Soldaten
Die Chroniken[8]
enthalten keine Aufzeichnungen über die Verluste der US-Kampfgruppen. Aber
es wird berichtet, dass die US-Truppen den Gesinnungsterror beendet haben.
Berichtet wird auch, dass sich einige Wehrmachtsgruppen kampflos in
Gefangenschaft überantwortet haben und andere sich kampflos zurückgezogen
haben.[9]
General Holbrook[10]
hat berichtet, dass es schwierig war, seine Soldaten zu soldatischem Kampf
zu motivieren.
Der US-Soldat Thomas C. Nicolla[11]
berichtet vom Vordringen seiner Einheit durch Deutschland bis zum KZ
Mauthausen. Erschüttert haben ihn besonders die Mord-Taten der SS an
sowjetischen Kriegsgefangenen[12]
und im Mühlviertel die hinterhältig tödliche Schüsse auf seine Kameraden von
HJ-Soldaten aus Verstecken. In Sarleinsbach ist seine Gruppe der Befreier
kampflos eingezogen. Der Leutnant ging zum Brunnen um Wasser zu trinken,
wobei er aus einem Fenster erschossen wurde. Der Täter war ein 10-jähriger
HJ-Pimpf.
Nach verlustreichen Kämpfen rückte die US-Truppe von Altenberg kommend am 4. Mai
um ca. 16 Uhr gegen Gallneukirchen vor. Gottfried Fitzinger[13]
berichtet im Heimatbuch, warum letztendlich Gallneukirchen ein schrecklicher
Kampf um den Endsieg erspart blieb. Gallneukirchen hat es Oberleutnant
Anton Haider zu danken, dass hier nicht mehr gekämpft werden musste. Am
Vortag, am 3. Mai musste er mit einer mit einer Wehrmachts-Kompanie von kaum
mehr einsatzfähigen Soldaten in Gallneukirchen einrücken. Oberleutnant Anton
Haider ist es gelungen, den Volkssturm zu entwaffnen, die Kindersoldaten
nachhause zu schicken.
Die Geschütze waren an diesem Schicksalstag 4. Mai
nicht mehr besetzt, die Panzersperren beseitigt. Eine SS-Kontrolle kam in
den Markt und drohten mit Terror, wenn nicht sofort die Sperren und
Stellungen wieder eingenommen werden. Diesen Befehl hat er nicht ausgeführt.
Flugzettel mit der Aufforderung zur Kapitulation
An diesem Tag erkundeten die US-Befreier mit einem Tieflieger das Gelände,
warfen Flugzettel mit Aufforderungen zu Kapitulation ab und schossen auf
Stellungen, die aber nicht mehr besetzt waren. Dabei sind Gehöfte in Brand
geschossen worden. Drei Menschen wurden getötet. Auch die Soldaten an den
Geschützen in Treffling hatten mit mutiger Unterstützung ihre Stellung schon
verlassen. Beim Einzug der US-Befreier hat Oberleutnant Haider mit seinen
Soldaten kapituliert, er und seine Soldaten wurden am nächsten Tag in die
Kriegsgefangenschaft geführt.
Befreiung der Konzentrationslager Gusen und Mauthausen
Die US-Panzerdivision Kampfkommando cc-B, -C und -D lagerte dann in
Gallneukirchen. Am 5. Mai sollten die Platoons[14]
C und D dieser Einheit nach Mauthausen vorstoßen. Soldat Nicolla kam mit
seinen Kameraden nach St. Georgen und dann zum KZ-Lager Gusen III. In seiner
niedergeschrieben Erinnerung spürt man seinen Schock, sein Entsetzten. Die
Konzentrationslager Gusen und Mauthausen wurden vom Gallneukirchen aus befreit.
Nach der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht, gültig ab 8. Mai,
strömten viele tausend Soldaten von der Ostfront über die Demarkationsgrenze
nach Westen. Soldaten der o. a. US-Division hatten sie in Gallneukirchen als
Kriegsgefangen zu bewachen. Unsere Heimatbücher berichten über die harte
Gefangenschaft und über deren Überstellung an die Sowjetarmee, bei der
einige US-Soldaten gegen das Kriegsrecht auf flüchtende Soldaten geschossen
haben.
Warum dann noch so ein Kriegsende?
Drüber konnte ich mit Frau Anna Rosmus 2013 sprechen. Anna Rosmus, Historikerin[15],
gebürtig aus Passau ist integriert im Verband der Veteranen der 11.
US-Panzerdivision. Frau Rosmus war mit Veteranen auch in Gallneukirchen. Sie
machte positive Komplimente für unser Mahnmal für den Frieden. Gefragt zur
grausamen Übergabe der Deutschen Soldaten bat sie um Verständnis. Die
US-Soldaten waren abgekämpft und verbittert. Sie erlebten sich hilflos in
Anbetracht des Elends der Konzentrationslager.
Und zuletzt dann das unerwartet so große Gefangenenlager auf der Wiese, ohnmächtig
auch hier Sanität und Versorgung zu bewältigen. Die US-Generale und nicht die Sowjets
verlangten die Überführung zurück an die Ostfront. Frau Rosmus hat
empfohlen, in der National Library in Washington die Dokumente der Division
zu studieren. Hier sind alle Militär-Berichte nun einsehbar, alle
Archivsperren sind aufgehoben.
Die bedingungslose Niederlage 1945 war Befreiung und Umkehr. Heinz Lischke[16]
war als 17-jähriger SS-Soldat in diesem Gallneukirchner Wiesenlager. Unter
dem Pseudonym Henryk Silesius schildert er, dass barmherzige Zuwendungen
durch Diakonissinnen ihm den Impuls zur Umkehr vom jahrelang verhetzten
Hitlerjungen zum bekennenden Christen in der sowjetischen Gefangenschaft
gegeben haben.
Alle Fotos aus dem Archiv von Dr. Wilhelm Mayrhofer – Herzlicher Dank!
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